2. EUROPÄISCHE SPRACHENKONFERENZ. Die Verwendung der "lingua franca" hat Grenzen. Sie sollte als Verständigungsmittel hilfreich sein, nicht aber die Sprachlandschaften flächendeckend überbetonieren. Es ist erforderlich, die Grenzen ihrer Brauchbarkeit zu bestimmen. Es ist erforderlich, eine Struktur sprachlicher Verständigung auszuarbeiten, worin die Sprachenvielfalt als produktiver Faktor, nicht als Störfaktor wirken kann. Vorgeschlagen wird die Einrichtung einer langfristig arbeitenden europäischen Sprachenkonferenz, die aus Politikern, Philologen/Linguisten zusammengesetzt ist. Sie hätte einen Problemkatalog zu erstellen und Handlungsmodelle zu entwickeln, die sich in der Kulturpolitik der einzelnen Länder umsetzen lassen (Schul- und Hochschulunterricht, wissenschaftliche Kommunikation, Alltagskommunikation, Themenfelder der sog. sprachgebundenen Kulturleistungen und der sprachkulturellen Identität). Die Arbeitsgrundsätze der Konferenz wären in einer Sprachencharta festzulegen.
3. DEMOKRATIEPRINZIP. Das Nebeneinander von Englisch und Landesprache darf das Demokratieprinzip nicht verletzen. Alle Bürger müssen sich über sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens in ihrer Muttersprache informieren, müssen diskutieren und entscheiden können. Es wird voraussichtlich stets nur einer kleinen Funktionselite gelingen, Englisch ebenso perfekt zu beherrschen wie die eigene Muttersprache. Gerade im Zuge der zunehmenden Kompetenzerweiterung der EU-Behörden wäre es fatal, die Möglichkeiten zur Partizipation auf eine kleine Kaste von Sprachbeherrschern der "lingua franca" zu beschränken. Es wäre fatal, wenn etwa die ca. 90 Millionen Bewohner der deutschsprachigen Regionen sich nur "auf Englisch" als ‘Europäer’ verstehen und verständigen könnten. Europa bliebe für sie etwas Fremdes. Neuen Ressentiments, neuen Nationalismen und Separatismen wäre der Boden bereitet.
4. SPRACHKULTURELLE IDENTITÄT. Die europäischen Nationen beziehen einen wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses aus ihren Sprachen. Es sind durchweg alte Kultursprachen mit einem reichen Bestand an Schriftzeugnissen. Ihre nationale Eigenart zeigt sich in ihrer sprachbildenden Kraft. Der permanente sprachkulturelle Austausch zwischen den einzelnen Regionen, die produktive Rezeption von literarischen, geistlichen, philosophischen, rechts- und naturkundlichen Texten, Handelsdokumenten etc. dürfte wesentlich den "kulturellen Reichtum" hervorgebracht haben, den die Sprachgemeinschaften in je verschiedenen Ausprägungen nun vorweisen können. Die Kultur der sprachlichen Differenz, die Vielfalt der Gedanken- und Ausdruckspotentiale ist eine wichtige Ressource, vielleicht die wichtigste, des an Rohstoffen sonst nicht sonderlich reichen Kontinents.
5. SPRACHNACHBARSCHAFTEN. In den Grenz- und Übergangszonen zweier Sprachräume hat schon immer die jeweilige Nachbarsprache den privilegierten Status der wichtigsten, weil nächstgelegenen Fremdsprache gehabt. Es wäre wahrscheinlich weder für die Menschen noch für ihre Kultur gut, wollte man etwa im Oberrheingraben die Deutsch- und die Französischsprachigen dazu konditionieren, künftig vorrangig oder gar ausschließlich auf Englisch miteinander zu kommunizieren. Eine Option wäre die Erlernung der Nachbarsprache als erste und des Englischen als zweite Fremdsprache.
6. WISSENSCHAFTSSPRACHE. Die meisten europäischen Sprachen sind leistungsfähige Wissenschaftssprachen mit einer ausgebauten Terminologie und unterschiedlichsten sprachlichen Ausdrucksformen. Würde die wissenschaftliche Verständigung, wie jetzt in Deutschland massiv propagiert, aufs Englische festgelegt, dann ließe die Leistungsfähigkeit der anderen Sprachen nach. Riesige Bestände nichtenglischer Fachliteratur kämen weitgehend außer Gebrauch und näherten sich der Museumsreife, die die lateinischen Buchbestände schon lange haben. Wissenschaftsspracheals Erkenntnispotential würde entwertet. Gerade in den Geisteswissenschaften spielt für die angemessene Darstellung eines Gegenstands auch die Beherrschung stilistischer Nuancen eine entscheidende Rolle. Der Vorrat an Sprachbildern, geflügelten Worten, literarischen Anspielungen, über den Wissenschaftler in ihrer Herkunftssprache verfügen und damit Sprachatmosphäre schaffen konnten, ließe sich schwerlich ins Englische adäquat hinübernehmen. Das gilt erst recht für die Stilmittel der Ironie und der Parodie.
7. GESTUFTE SPRACHKENNTNISSE
Nicht Perfektion in einer Fremdsprache, sondern weniger perfekte Mehrsprachigkeit sollte Leitziel einer europäischen Sprachenkompetenz sein. Jeder soll sich in seiner Sprache mitteilen können, und jeder andere soll die Möglichkeit haben, ihn zu verstehen. Das Prinzip des Sprachenlernens sollte nicht auf die möglichst perfekte Beherrschung einer Koiné, des Englischen, angelegt werden, sondern auf die leichter erwerbbare Fähigkeit, möglichst viele Sprachen wenigstens passiv zu können. Aktive Sprachkompetenz wäre v.a. durch Auslandsaufenthalte zu fördern.
8. ARBEITSSPRACHEN
Eine tatsächliche und effiziente Mehrsprachenregelung - etwa Deutsch,
Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch (gemäß
der Sprecherzahl) - hätte den Vorteil, einer absoluten Bevölkerungsmehrheit
(300 Millionen)zu ermöglichen, bei den EU-Behörden direkt in
ihrer Muttersprache vorstellig werden zu können und ohne Dolmetscher
verstanden zu werden.
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